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Kritik an der Reformpädagogik

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Einführung

Die Reformpädagogik war in der Pädagogik lange ein ungeliebtes Kind. Jahrzehntelang hat sich nur eine handvoll Wissenschaftler überhaupt damit beschäftigt. Die Reformpädagogik wurde vor allem durch die Brille von Wissenschaftlern aus der reformpädagogischen Zeit gesehen: Wilhelm Flitner, Hermann Nohl und damit deren enger, konservativer Blickwinkel übernommen. Erst als die Pädagogik schon fest in Händen des Behaviourismus war und der Lernzielfetischismus vorgaukelte, mit konkreten Lernzielen pädagogisch auch die angestrebten Ziele tatsächlich auch erreichen zu können, entstand gewissermaßen zunächst als Protestbewegung eine Rückbesinnung auf reformpädagogische Ansätze 'vom Kinde her'.

Symptomatisch für dieses Verhältnis in der Pädagogik war die Rezeption der Reformschule Summerhill von Alexander S. Neill in England. Zunächst bis 1968 wurde diese existierende Schule gar nicht zur Kenntnis genommen. Eine Schule, in der Kinder nicht zum Unterricht zu gehen brauchten, hätte ja das ganze Konzept der Pädagogik ins Wanken gebracht. Das geschah dann ja auch, als die 68er Generation Summerhill als 'antiautoritäre Schule' entdeckte - gegen diesen Begriff hat sich Neill immer gewehrt, er bezeichnet seine Pädagogik als 'selbstregulativ'. In den meisten Beiträgen wurde dieser Ansatz von Neill aber gar nicht zur Kenntnis genommen, sondern seine Pädagogik als 'laissez faires' abqualifiziert. Summerhill galt als Schule ohne Regeln in der alles erlaubt war. Mit Neill's Tod 1976 nahmen viele - auch Wissenschaftler - an, die Schule hätte damit ihr Ende gefunden. An den Universtiäten wurde immer wieder verkündet, daß Neill mit seinem Ansatz gescheitert sei. Diese Haltung läßt sich auch im neuen Jahrtausend z.B. bei Skiera (Reformpädagogik, 2003) noch finden, der hoffnungsvoll berichtet, die Schule müsse geschlossen werden:

'Die Inspektoren forderten nicht nur mehr Platz zum Lernen und zusätzliche Unterrichtsinhalte wie Informatik (...), sondern auch Religionsunterricht, den Summerhill - seinen erklärten Zielen zum Trotz - seit einigen Jehren anbieten musste (der aber von den Schülern nicht belegt wurde). Die Inspektoren fordern von der Schule nicht nur die Sicherstellung eines häufigeren und regelmäßigeren Unterrichtsbesuchs. Das widerspricht grundlegend der völligen Lernfreiheit, die von Anfang an ein wesentliches Kennzeichen Summerhills war. Die Inspektoren bemängeln den unbefriedigenden Leistungsstand und fordern einen schnelleren Lernfortschritt insbesondere beim Lesen, Schreiben und Rechnen der jüngeren Kindern. Das wiederspricht der geringeren Bewertung von Schulleistung in Summerhill überhaupt und in der in Summerhill üblichen anderen Verteilung auf die Lebensjahre laufen auf eine weitestgehende Angleichung des Unterrichts an staatliche Schulen hinaus. ... Die Leitung Summerhills hat in den letzten Jahren mehrfach erklärt, daß sie die Schule eher schließen wird, als ihre wesentlichen Eigenschaften aufzugeben. '

(Skiera, E.: Reformpädagogik, Oldenburg 2003, Reihe: Hand- und Lehrbücher der Pädagogik, S. 346. Skiera übernimmt diese Passage von Martin Kamp (Summerhill muß bleiben! Stellungnahme deutscher Erziehungswissenschaftler, 1998) als Zitat, verschweigt aber, daß der Streit schon im Jahr 2000 gerichtlich entschieden wurde. Summerhill darf nicht nur seine wesentliche Kennzeichen beibehalten, sondern die Schule darf auch nicht öfters als andere Schulen überprüft werden. Das Gericht stellte fest, daß Lernen nicht nur in obligatorischen Unterrichtsstunden stattfindet.)



So wie Skiera das Zitat bringt, die Distanz, die er in seiner Beschreibung von 'Selbstregierung' ausdrückt (Der erzieherische Sinn der 'Selbstregierung' besteht u.a. darin, die Kinder zur 'Selbstregulierung' zu führen [sic!], zur Fähigkeit, als 'Eigentümer ihres eigenen Körpers und ihrer Seele zu leben, ohne Abhängigkeit von autoritären Strukturen' (Zitat von der Summerhill-Homepage), und sie zu lehren [sic!] durch soziale Aktionen ihre Interessen wahrzunehmen. (Skiera: Reformpädagogik, S. 346), sein verschweigen, daß es noch weitere Schulen dieser Art in England, Schottland und Japan gibt, seine fehlerhafte Darstellung, daß der Lehrer weiterhin für das 'Erstellen des Unterrichtsangebotes, an dessen Festlegung und Durchführung die Kinder dann zu beteiligen sind', die Abwertung von LehrerInnen zu Bezugspersonen (Bezugis), zeigen deutlich die tiefe Kluft, die den Verfasser des Hand- und Lehrbuches zur Reformpädagogik, der wissenschaftlichen Mainstream-Welt, von der Welt und vom Selbstverständnis dieser Schulen trennt.

Keine Schule hat die Kritik so auf sich gezogen wie gerade Summerhill. Der Grund liegt wohl darin, daß diese Schule und der Ansatz der selbstregulierten Erziehung wie keine andere sich der Übernahme der Regeln der etablierten Gesellschaft verweigert. Nicht nur die üblicherweise obligatorischen Inhalte werden nur dann übernommen, wenn sich die Kinder dafür interessieren, sondern auch das soziale Regelwerk orientiert sich nicht an überkommenen Werten sondern an den Erfahrungen der Kinder. Wenn sie es für erforderlich halten, wird eine Regel eingeführt oder verworfen. Deutlicher kann eine Ablehnung nicht ausfallen. Und doch werden Menschen in diesem Laboratorium groß, die nicht erfolglos und keine 'enfants terrible' sind, keine 'Revolutionäre', die ihr Leben meistern -mindestens genau so gut wie andere auch. Trotzdem erscheint diese Schule auch heute noch als Weihwasser für den Teufel. Parallelen werden totgeschwiegen, weil nicht sein darf was nicht sein kann.

Der Nachwuchs soll die Normen und Werte der eigenen Generation kennen und schätzen lernen. Eine Schule, die es den Kindern ermöglicht eigene Normen und Werte und Werte zu finden und nach ihnen zu leben, wird möglicherweise die jeweils aktuellen Werte stärker verändern als straff im Sinne dieser Normen und Werte erzogene Kinder. Es droht Machtverlust.
  • Pädagogik: Was tun all die Pädagogen, wenn ihnen die 'Kinder' nicht mehr folgen?
  • Wirtschaft: Was tun all die Lenker - egal auf welcher Ebene - wenn sich die Gelenkten nicht mehr lenken lassen?
  • Politik: Was tun all die, die über die Köpfe der Wähler hinweg bestimmen, wenn diese erklären: Nein, so nicht!