Gills School City in den USA

"Der Ingenieur und Industriemanager Dr. Wilson Lindsley Gill (1851 - 1941) war Mitarbeiter in den Sommerkolonien der George Junior Republic in den entscheidenden Anfangsjahren 1895 und 1896 (vgl. Holl 1971, S. 194 - 210, Einfügung im Original). Seit 1897 führte Gill dann Selbstregierungsmethoden in die öffentlichen Volksschulen der Einwanderergebiete von New York City ein. Ein Ziel war dabei die Amerikanisierung und staatsbürgerliche Erziehung, der Kampf gegen politische Korruption, Verantwortungslosigkeit und Apathie der Bürger. Das zweite Ziel war die Bekämpfung der Verwahrlosung, Verrohung und Disziplinlosigkeit der Großstadtjugend (moral and civic training)." [Kamp, 1995, S. 236]

"Gill wollte die Schule demokratisieren, um die Kinder dort an die Mitarbeit an der öffentlichen Ordnung, an staatsbürgerliche Verantwortung zu gewöhnen und ihnen Bürgertugenden wie Selbstdisziplin, ein lebendiges Interesse an der Einhaltung von Regeln und Ordnung sowie die Ideale freier Regierung einpflanzen." [Ebenda]

"Die Schulen selbst wurde als demokratisches Gemeinwesen nach dem Muster amerikanischer Städte organisiert, als Schulstadt. Große Schulen bestanden als Schulstaat aus mehreren Städten. Die Klassen waren die Verwaltungs- und Wahlbezirke. So sollten die Kinder in der Praxis und nicht nur verbal im Unterricht die demokratische Mitarbeit erleben (learning by doing, Einfügung im Original), und durch wirkliche Verantwortung mit Bürgerrechten und Bürgerpflichten an der Aufrechterhaltung der Ordnung beteiligt werden." [Ebenda, S. 236f, Hervorhebungen im Original]

Es gab eine ganze Reihe von gewählten Ämtern (Richter, Stadtschreiber, Polizeichef, Bürgermeister, ...), Delegierte für ein Stadtparlament mit gesetzgeberischer Funktion. "Der Schulleiter hatte ein Vetorecht. Die Lehrer bildeten das Obergericht als Berufungsinstanz gegen alle Urteile." [Ebenda] Schlimmste Strafe war die zeitweise Ausstoßung aus der Bürgerschaft und die Unterstellung unter die Autorität der Lehrer, eine Strafe, die "besonders im Peergroup-Alter schwer zu ertragen ist" [Ebenda, Hervorhebungen im Original].

1897 wurde das System in der Public School No. 69, einer berüchtigten Slum-Volksschule in New York, mit 1200 Kindern eingeführt. "Bald konnte der (richtige, Einfügung von JG) Polizist, der hier stationiert war, um in den Pausen das Schlimmste auf dem Schulhof zu verhindern, abgezogen werden. (Forster 1953, S. 302). Leider berichtet Kamp keine Einzelheiten. Aber das Gills School City System scheint sehr erfolgreich gewesen zu sein, den es breitet sich nicht nur in New York, sondern allgemein in den USA aus. "Kuba war der erste Staat mit allgemein durchgeführter Schülerselbstregierung. [Ebenda, S 237, Fettdruck im Original]. Richard Welling, ein alter Bekannter Georges und Studienfreund Roosevelts) gründete das National Self Government Committee, das besonders die Junior Republics und die School Cities förderte, aber auch für Selbstregierungsprojekte in Fabriken, Geschäften, Gewerkschaften Heimen, Gefängnissen und vor allem in Schulen warb. [Vlg. Ebenda, S. 237f]



Quelle: Kamp, Johann-Martin: Kinderrepubliken, 11.1. Gills School City in den USA, Opladen 1995, S. 236ff.

weitere Literatur:

Fingerle, Anton: Selfgovernment in amerikanischen Schulen. Donauwörth/Bayern: Cassianeum (1948) (Wissen und Wirken - pädagogische Schriftenreihe des Cassianeums. Das Werkbuch 5)

Forster, Friedrich Wilhelm: Schule und Charakter. Moralpädagogische Probleme des Schullebens. Recklinghausen, 1953 (15. Auflage) Paulus-Verlag

Gaggell, Gustav: Die Selbstregierung der Schüler. München 1920, Ernst Reinhardt

Holl, Jack M.: Juvenile Reform in the Progressive Era. William R. George and the Junior Republic Movement. Ithaca/N.Y. - London (Cornell University Press) 1971

Meyer-Markau, Wilhelm (Ed): Die Schulstadt. Selbstregierung und Bürgertugend in der Schule. Von einem alten Deutsch-Amerikaner. Minden, Markowski 1908 (Sammlung pädagogischer Vorträge, Bd 17, Heft 5)