Die Fürsten- und Landesschulen kommen bei Kamp nicht gut weg:
"Der ungezügelten Brutalität der Schüler entsprach in den frühneuteitlichen Fürstenschulen ein strenges Aufsichts-, Zucht- und Disziplinsystem. [Vgl. auch Diss. Metzenthin 1915, S. 30-47, Fußnote im Original], in dem - wieder aus Lehrermangel - wöchentlich wechselnde ältere Schüler als tischinspektoren und kammerinspektoren fungierten und auch strafen konnten. jedem älteren Schüler war ein jüngerer Schüler zugeteilt, dem er beim Lernen helfen sollte und der dafür gewisse Arbeiten für den älteren zu verrrichten hatte. [...] Die älteren und die Inspektoren bildeten eine Art nächtlich umherschwärmende Schularistokratie und mißbrauchten ihre Strafgewalten rücksichtslos, indem sie die Jüngeren nach Belieben bestahlen, beraubten, erpressten, brutal prügelten und gnadenlos quälten. die harten Strafandrohungen der Lehrer gegen solchen Veteranismus oder Pannalismus wurden außer Kraft gesetzt durch die noch härteren Terrordrohungen der Veteranen gegen jeden Verräter. Die Lehrer konnten die Verräter nicht schützen und blieben so machtlos. die gequalten Schüler hielten sich einige Jahre später dann an anderen schadlos und übten ihr so hart erworbenes Recht zu quälen an der nächsten Generation aus." [Kamp, 1995, S. 194]Ganz so machtlos waren die Lehrer scheints doch nicht, denn mit der französischen Revolution wurde diese "Unterordnungspflicht" [Ebenda] beseitigt und führte zu vorrübergehend zu einer "völligen Zügellosigkeit dieser Jüngeren" [Vgl. Ebenda] Ab 1760 kehrte mit einer neuen Lehrergeneration auch ein neuer Geist ein: "Diese Lehrer fassten die Schüler eher an ihrer Ehre als an der Strafangst, zeigten Verständnis für die Jugend, gewährten größere Freiheiten (Ausgang (!), Einfügung im Original) und trieben gern Späße mit den Schülern." [Ebenda] Die Verhältnisse von 1795 seien durchaus mit denen der Reformpädagogik von 1920 vergleichbar. [Vgl Ebenda]
Kamp übersieht, daß bei Gründung dieser Schulen das "Veteranensystem" in dieser Ausprägung nicht vorhanden war, daß statt strengem Unterricht (2h/Tag) viel Zeit fürs "Selbststudium" (6h/Tag) vorhanden war und daß der Unterricht nicht dem Abprüfen von Leistungen diente, sondern der "Förderung der Lernfreude" bei den Schülern. Zentral war die wöchentliche Präsentation der Lernergebnisse von frei gewählten Themen, die sowohl historisch als auch auf auf Begebenheiten des schulischen Alltags zum Inhalt haben konnten und auch hatten. Die Schulinspektoren wurden von den Primanern vorgeschlagen und vom Rektor ernannt (ab 1602) und genossen hohes Ansehen. Arnhart/Reinert (2002) sprechen dezidiert von einem "Selbsterziehungssystem", bei dem die Inspektoren die Verteilung der Speisen und die Einhaltung der Tischsitten regelten. Hauptaufgabe blieb aber die Unterstützung des Lernens der Jüngeren. In allwöchentlichen "Censurstunden"wurde das Verhalten der Jüngeren (auch das Lernverhalten) bewertet und Lehrer und Inspektoren berieten über Verstöße gegen die Schulgesetze und legten Maßnahmen fest. [Vgl. Arnhardt/Reinert 2002, S. 63]
Göndör (2003) hat herausgearbeitet, daß das "Selbstlernen" zunehmend durch "Unterricht" verdrängt wurde, also den Schülern zunehmend vorgeschrieben wurde, was sie zu lernen hatten. Gegen diese Fremdbestimmung im Lernen regte sich natürlich auch damals schon der Widerstand der Schüler, der natürlich gebrochen werden mußte. Es mußte ja der Lehrplan erfüllt werden.
Auch hat sich die bei Kamp beschriebene "ungezügelte Brutalität" wohl nicht aus dem pädagogischen System und den "machtlosen Lehrern" ergeben sondern aus den Bedingungen der Umwelt: Kriege, die erbarmungslos ausgetragen wurden, wirtschaftliche Nöte, schlechte Ausbildung der Lehrer, allgemeine Verrohung der Sitten und Verachtung der Lehrer (!). Aber auch das fehlende Bildungsbewußtsein (auch von Seiten der Eltern) und die schlechte Vorbildung der Schüler [Vgl. Arnhardt/Reinert, 2002, S. 79ff] werden damals schon angeführt. Im Gefolge dieser Ereignisse werden dann in der Tat auch bei Arnnhardt/Reinert auch die "Mißhandlungen der jüngeren durch die älteren Schüler" [Arnhardt/Reinert, S. 68] beschrieben, die allerdings schnell abgestellt wurden [Vgl. ebenda]
Literatur (nach Kamp):
Gaggell, Gustav: Die Selbstregulierung der Schüler. München: Ernst Reinhardt 1920
Jürgens, Stephan: Das Helfersystem in den Schulen der deutschen Reformation unter besonderer Berücksichtigung Trotzendorfs.
Langensalza: Beyer u. Söhne 1913 (Fridrich Manns pädagogisches Magazin 525)
Metzenthin, Eduard: Die Selbstbetätigung der Schüler auf dem Gebiet der Schulerziehung in früherer Zeit. Ein Beitrag zur Geschichte des 'Schulstaats'. Langensalza: Hermann Beyer u. Söhne 1915 (Friedrich Manns Pädagogisches Magazin 604 / auch Erlangen: Phil Diss 1915)
Rein, Wilhelm (Ed 1903-1910): Enzyklopädisches Handbuch der Pädagogik. (10 Bände, besonders die Artikel 'Trotzendorf', 'Fellenberg', 'Bourdon') Langensalza: Beyer u. Söhne 1903-1910,2
Arnhardt, Gerhard/Reinert Gerd-Bodo: Die Fürsten- und Landesschulen Meißen, Schulpforte und Grimma. Lebensweise und Unterricht über Jahrhunderte. Weinheim u. Basel, 2002
o.A.: Klappentext zu "Die Fürsten- und Landesschulen...
Göndör, Jürgen: Der Weg von der "Zeit zum selbständigen Lernen" zum "mit wichtigen Inhalten vollgestopften Stundenplan". Wie die 'humanistische Bildung' jede Motivation zum selbsttändigen Lernen erstickte. In: (PAED.COM), Kinderrepubliken, 2003