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Wandel der Ansichten in Buffalo 1912/13 und Gründung des Litte Commonwealth in England

1912 nahm sich Lane eine Auszeit von der Republik. Er arbeitete als Bau- und Dockarbeiter und reiste nach England. Vermutlich las er in dieser Zeit auch Freud, Montessori und Pestalozzi. [Kamp, 1995, S. 252] Jedenfalls veränderte sich sein politisch-wirtschaftlicher Ansatz zu einem pädagogisch-psychologischem Konzept. "Jetzt ging es primär [...] um psychische Gesundheit und das Prinzip der Selbstregulierung aller Menschen von Geburt an, um die von inneren Antrieben gesteuerte körperliche, geistige und psychische Selbstentfaltung, d. h. um Wachstum. (Kursiv im Original) [...] Das wesentliche Vorbild Lanes waren [...] die sehr persönlichen affektiven zwischenmenschlichen Beziehungen in intakten Familien. [Ebenda, Kursivdruck ist im Original Fettdruck, Hervorhebung (Fett; rot) von JG]

George Montague (der spätere 9th Earl of Sandwich) lud Lane nach England ein und bildete ein "Komitee zur Gründung einer George Junior Republik in England" [Ebanda, S. 254] Ca. 700 Menschen - vorwiegend Adel und Oberschicht, aber auch die englische Montessorigesellschaft - unterstützten dieses Komitee. "Ende Juni 1913 wurde das Little Commonwealth auf einem großen Bauernhof [, der Flowers Farm bei Batcomb in Dorsetshire, Einfügung von JG] eröffnet. diese Farm sollte nach und nach zu einem Dorf für 80 oder 100 jugendliche (plus Kinder, Einfügung im Original) in etwa 10 Cottages ausgebaut werden.[Ebenda]. [...]

Es gab nie mehr als vier oder fünf echte erwachsene Helfer [..]. Die Hauptsache war zweifellos das selbstregierte Reformatory (Im selben Jahr wurde übrigens in Wittlich auch das erste deutsche Reformatory gegründet und zwar unter dem damals neuen Namen Jugendgefängnis. In diesem ersten deutschen Jugendgefängnis gab es jedoch weder gemischtgeschlechtliche Wohngruppen noch Selbstregierung. Am radikalsten war noch der eher zaghafte Selbstverwaltungsversuch von Walter Herrmann im Jugendgefängnis, auf der Hamburgischen Elbinsel Hahnöfersand (vgl. Herrmann 1923; Fußnote im Original) für 14 bis 19jährige Jungen und Mädchen. diese Jugendlichen im sexuell gefährlichsten Alter kamen anfangs entweder aufgrund einer richterlichen Bewährungsauflage, oder aber auf Wunsch der Eltern, die mit ihnen nicht zurechtkamen. [Ebenda, S. 255]

Kamp beschreibt die Anfänge des Little Commonwealth so:

"Die Mädchen hatten die Ankunft der Jungen begeistert vorbereitet, waren aber bald enttäuscht von diesen dreckigen, lärmenden Angebern mit ekligen Tischsitten. die jungen waren frech, destruktiv und arbeitsscheuLane lehnte es ab, die zur ruhe zu zwingen oder auch nur zu ermahnen. er wollte die Situation auf die Spitze treiben, bis sie so gespannt und unerträglich würde, daß die gesamte Gemeinschaft gegen das Verhalten der Jungen rebellierte [...] Lane schritt also nicht ein und versuchte bewußt nicht, sich am Lärmen zu beteiligen und dadurch den Spaß zu verderben. Er erklärte, im Little Commonwealth sollte man tun, was Spaß macht.

Und solange es Spaß machte, zu kreischen und Fenster einzuschlagen, auf kosten anderer zu leben und Obst zu stehlen, müsse man das eben tun. Und falls irgendwann etwas anderes mehr Spaß machte, würde man dies andere tun.

Allerdings wollte Lane (im Gegensatz zu George, Einfügung im Original) durchaus nicht die Ereignisse passiv laufen lassen, ohne seine Vorstellungen dabei aufzudrängen. Durch Stellung einer positiven Gemeinsachaftsaufgabe wollte er den Diskussionsprozeß und die Bildung einer öffentlichen Meinung fördern, als Grundlage eines späteren Selbstregierungssystems.

Überrascht, eine so wichtige Angelegenheit entscheiden zu dürfen, begannen sie mit der Diskussion. Die lautesten und stärksten Jungen beherrschten die Diskussion, doch man bat Lane vergebens, die Störenfriede zu entfernen. Schließlich wurde ein Diskussionsleiter als Polizist gewählt, der elf Leute ruhig hielt, während der zwölfte redete. Schließlich stimmte die Mehrheit für Einzelzimmer, denn ruhiger Schlaf erschien ihnen wichtig. Bald wurden andere Fragen in derselben Weise diskutiert, und daraus entstand die regelmäßige Vollversammlung.

Die Jugendlichen verhielten sich spontan loyal zu ihrer öffentlichen Meinung, die Minderheit beugte sich relativ willig unter den Mehrheitsbeschluß. Das tat sie auch, als mehrheitlich beschlossen wurde, daß nächtlicher Lärm dem gesunden Schlaf und dem öffentlichen Wohl schadet und deshalb unterbleiben soll.
Ebenda, S. 256f]

Den Jugendlichen wurde mit 14 Jahren das Bürgerrecht verliehen: Sie durften dann an den allgemeinen Wahlen teilnehmen:

[...]

Jeder konnte vor dem Gericht klagen und auch Lane und sogar den Trägerverein verklagen [...].

Strafen passten schlecht in die familiäre Atmosphäre, und Lane hielt wenig von Bestrafung. Ein Gefängnis gab es daher nie, und die in der Ford Republic noch üblichen Verspottungs- und Karzerstrafen ebenfalls nicht. Stattdessen tauchten gelegentlich, wie häufiger in der psychoanalytischen Literatur, Strafen auf, die eher Belohnungen zu sein scheinen und nicht Schreckliches an sich haben, z.B. ein einwöchiger Urlaub auf Kosten der Gemeinschaft."[Ebenda, S. 258f]

Die härteste Strafe war der Hausarrest (close bounds), der dezidierte Ausschluß des Jugendlichen aus der Gemeinschaft. diese Strafe war und blieb umstritten. Selbstregierung war Teil des Erfahrungslernens in der Gemeinschaft [Vgl. ebenda, S. 260]

. Von den Jugendlichen wurde auch eine Schule eingerichtet:

"mehrere fontal zu Wandtafel und Katheder aufgestellte Bankreihen,eine Schulglocke sowie Anwesenheitszwang. Was sie da lernen wollten, wußten sie nicht. Lane half ihnen, sich ihrer wirklichen Wünsche bewußt zu werden, und nach einer weile wurde die Schule abgeschafft zugunsten freiwilliger und gutbesuchter Kurse in Kochen, Schneidern, Schuhreperatur, Eurhythmie (Fußnote: Mit Eurhythmie ist die von Dalcorze entwickelte rhythmische Gymnastik gemeint, die im Englischen allgemein als eurhythmics bezeichnet wird, und nicht die erst später von Anthroposophen daraus entwickelte Tanzform. Rhythmische Gymnastik ist kein Turnen, sondern eine stark auf Befreiung der Gefühle ausgerichtete (quasi therapeutische) Methode. Lanes berühmtester Nachfolger A. S. Neill hat - sicher nicht ganz zufällig - seine Summerhill-Schule als Teil der Dresdner Dalcroze-Rhythmikschule gegründet.) (durch Studenten, Einfügung im Original), Mathematik, Erziehung und Kinderpflege sowie über Böden und Dünger. [Ebenda, S. 259f]

Zentral für alle Bewohner waren die Familien, keine bloße Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft, sondern Lebensgemeinschaft, in denen man sich kannte und schätzte, in denen man solidarisch war.

Quelle: Kamp, Johann-Martin: Kinderrepubliken, 10. Homer Lane und das Little Commonwealth in england, Opladen 1995, S. 254ff.

Weitere Literatur:

Bazeley, Elise T.: Homer Lane and the Little Commonwealth. London: New education Book club 1948 (2. Auflage, Zuerst erschienen 1928)

Herrmann, Walter: Das Hamburgische Jugendgefängnis Hahnöfersand. Ein Bericht über Erziehungsarbeit im Strafvollzug. 1923 Hamburg: W. Gente 1923 (Hamburgische Schriften zur gesamten Strafrechtswissenschaft 4)

Wills, William David: Homer Lane. A Biography. London: Allen and Unwin 1964