W.R. George engegierte sich zunächst in der Methodistischen Kirche in der Jugendarbeit. "In seiner Arbeit mit berüchtigten kriminellen Jugendbanden machte George sich bald von konfessionellen Organisationen unabhängig." [Kamp, 1995, S. 204]
Er begegnete den Jugendlichen auf ihrer Ebene: Er wurde nach wüsten Boxkämpfen zum Bandenchef. [Vgl. ebenda]. Aus dieser Position versuchte er nun die "Bande umzufunktionieren" [Ebenda]: Er organisierte attraktive Freizeitaktivitäten, ab 1890 auch Land-Ferienaufenthalte in Freeville. "1893 waren es bereits 265 Kinder, zumeist ältere, härtere delinquente Slum-Straßenjungen der untersten Einwandererschichten. Mit ihnen hielt George militärische Drills und Manöver ab und erteilte Unterricht in Patriotismus, Religion, Hygiene, Fleiß und Mittelklassenmoral." [Ebenda, S. 205] George erwähnt auch ein gesondertes Mädchenprogramm. Die 'militärischen Formen der Jugendpflege' entsprachen der damaligen Zeit.
George entwickelte eine "Miniaturrepublik für Kinder und Jugendliche" [Ebenda, S. 208] mit einer "Regierung der Jugend für die Jugend". [Ebenda] Die wirtschaftlichen und politischen der realen USA wurden möglichst eng und realistisch nachgebildet.
"Probleme, Fehler und Gewalt sollten nicht wie in der Anstalt unterdrückt und weggezwungen werden, und auch nicht durch freundliche, aber im wirklichen Leben eben nicht vorkommende, unrealistische Hilfe beseitigt werden. ... Schon als Jugendliche sollten die jungen das freie Erwachsenenleben realistisch simulieren und so erfahren und trainieren. verhalten hat dann im Prinzip dieselben Konsequenzen wie im Erwachsenenleben, jedoch nicht so endgültige und unwiderrufliche. Hier gibt es keine Akten, Vorstrafenregister und Stigmatisierungen, die den Neuanfang verhindern." [Ebenda]Zunächst gab es für die Jugendlichen Kleider und Lebensmittelspenden umsonst. Das führte aber zu einer falschen Entwicklung: Die Wohltätigkeit wurde als Rechtsanspruch gesehen und eingefordert. "Manche gaben sogar ihre Arbeit auf und zerstörten ihre Spenden, um mehr und bessere Spenden zu erhalten." [Ebenda] George änderte sein Konzept: "Nothing without labor" - mit Erfolg: "Die hart erarbeitete Kleidung wurde gepflegt und nicht mehr zerstört." [Ebenda], aber gestohlen. "Der Diebstahl ihrer wertvollen Kleidung allerdings empörte die Jungen. Sie forderten von George bestimmte Maßnahmen zum Schutz ihres Eigentums." [Ebenda]
Von George durchgeführte Bestrafungen (öffentliche Prügelstrafen) blieben ohne Erfolg. Auch die Umkehr der Maßnahme (der Übeltäter mußte Georg schlagen) blieb ohne Wirkung. Schließlich schlugen die Jugendlichen selbst Regeln vor: "Das Gemeinwohl war in diesem Fall offenbar identisch mit dem klar erkannten egoistischen Eigeninteresse aller Eigentümer." [Ebenda] Es zeigte sich, daß "diese selbst vorgeschlagenen Regeln ... als die einzig wirklich befolgten und durchsetzbaren" [Ebenda] Regeln. Dieses primitive Rechtsbewußtsein aus egoistischen Motiven wurde von den Jugendlichen auch auf andere Fälle (Plünderung eines nachbarlichen Obstgartens) angewendet. Nicht die Erwachsenen sprachen Recht und Verurteilten, sondern die Jugendlichen selbst. Die Strafen wandelten sich von der Prügelstrafe zur bewachten Zwangsarbeit (Steine brechen für den Wegebau) und wurden später noch milder. Trotzdem gingen die Vergehen zurück
Das "Dorf", das ist die "Junior Republic", umfaßte neben den 'Regierungsämtern", dem 'Gericht' und der 'Polizei' auch alle Berufe, die sich in der Republik als notwendig erwiesen: die Farm mit Gärtnern, Landarbeitern, Wegebauern, Schreinern, aber auch Restaurants mit Mahlzeiten für jeden Geldbeutel, Hotels, ... . Das Geld war natürlich nicht der Dollar, sondern eine republikeigene Pappgeldwährung. [Vgl. ebenda, S. 212f]
"Als Währung dienten vorerst bunte Pappmarken, mit denen alle Arbeit bezahlt wurde. jeder mußte seine Unterkunft und Verpflegung aus seinem Einkommen selbst bezahlen. (Fußnote: dies deckte natürlich nicht die Kosten des Sommerlagers, sondern diente eher der internen Verrechnung!)Zwei Punkt waren für Georges Konzept zentral:Das am Vormittag erarbeitete Pappgeld reichte auch bei der untersten Qualifikationsstufe aus für einfache Unterkunft und Verpflegung. Vom Eintrag der freiwilligen Nachmittagsarbeit konnten andere Dinge wie Kleidung (aus wohltätigen Kleiderspenden) gekauft werden. Die Jugendlichen waren stolz auf ihre Selbständigkeit. Sie wohnten im Hotel Waldorf, vorerst ein Heuboden, und aßen im Restaurand, das unterschiedlich teure Mahlzeiten für jeden Geldbeutel anbot.
Wie beabsichtigt entstand schnell eine soziale Ungleichheit: der ordentliche, fleißige, qualifizierte und sparsame, also gut amerikanisierte jugendliche sammelte Geld an und eröffnete ein Pappgeld-Sparkonto bei der republikeigenen Bank. Wer aber unqualifiziert arbeitete und den geringen Wochenlohn nicht sinnvoll einteilen konnte, besaß am Wochenende kaum genug Geld zum Essen und Schlafen.
Das gesamte Leben in der Repubic bestand aus vielfältigen Anreizen und eingebauten Belohnungen für richtiges Verhalten sowie aus unangenehmen Folgen bei falschem Verhalten. Zum Beispiel überprüfte der Beamtenprüfer die Schulbildung der Beamtenanwärter. die positive Hoffnung, als Beamter ein geachteter Repräsentant der Gemeinschaft zu werden, motivierte die vielen notorischen Schulschwänzer weit stärker zum lernen als die Drohung mit dem truant officer (Fußnote: Diesist ein Beamter, der in den USA die Schulschwänzer (truants) zur Schule zwingt.)"
[Ebenda. S. 212f]
Kamp hebt besonders hervor, daß
"die Junior Republic in der Praxis durchzogen (war) von einer sehr liebevollen Atmosphäre, was aber von der demonstrativ ultraharten ökonomisch und politisch orientierten Theorie (arbeiten und hungern! etc.; Einfügung im Original) weitestgehend ignoriert wurde. [...] George [...] behandelte die Jungen tatsächlich wie seine eigenen Kinder [...[ . die Jungen sahen ihn ebenso selbstverständlich als ihren äußerst liebevollen und gutmütigen Vater an. [...] Die gar nicht anstaltsartige familiäre Atmosphäre war mit verantwortlich für den Stolz der Jungen auf die Republik." [Ebenda, S. 211][...]
"...im Herbst 1896 begann für die nun 40 schulpflichtigen Dauerbürger (Aus der Sommerrepublik war eine Dauerrepublik geworden. Einfügung JG) der Unterricht in der eigenen Republikschule. sie löste das bisherige interessante und typisch Georgesche Verlagshaus-Provisorium ab (hierzu Holl 1971, 175-180. Einfügung im Original). George hatte sich lange gegen eine eigene Schule gesträubt, weil er befürchtete, daß sie durch ordnende Einmischungen die Selbstregierung zerstören würde. (So, Einfügung von JG) entwarf George eine Schule, die vorgab, gar keine Schule zu sein, sondern ein Geschäftsunternehmen, ein Verlagshaus.
Freunde der Republik stifteten eine umfangreiche Bibliothek. die Autoren (=Schüler) schlossen mit dem Verlagsleiter (=Lehrer=George) Werkverträge über je ein Buch (= schriftliche Hausarbeit) über ein selbstgewähltes Thema. die zur Anfertigen benötige Arbeitszeit wurde nach dem normalen Republik-Stundenlohn bezahlt, nach Schwierigkeitsgrad und Qualität der Ausführung abgestuft. Das Buch wurde säuberlich gebunden in die Bibliothek eingestellt, wenn es nicht wegen schlechter Qualität oder unleserlicher Schrift zurückgewiesen worden war. Auch der rechenunterricht bestand aus echter Arbeit: Die Republikbank vergab bezahlte Buchführungsaufträge an das Verlagshaus. George bezeichnete dies als lernen durch Geldverdienen (learning by earning, Einfügung im Original)" [Ebenda S. 217]
weitere Literatur:
Abbot, Lyman: A Republic in the Republic. In: Outlook (New York) 88. 1908, S 350-354
Barran, Rose C.: The George Junior Republic. In: Nineteen Century and After (London) 66. 1909, S. 503-508
Braun, Claude: Manchild in the Promised Land. New York: Mac Millan 1965 (auch deutsche Übersetzung: Im gelobten Land. Eine Jugend in Harlem. München 1966)
Commons, John R.: The Junior Repbulic. In The American Journal of Sociology (Chicago/III) 3.1897, 1898, 3 (Nov.) und 4 (Jan.): S. 281 - 296 und 433 - 448
van Dyk, H. David; van Dyck, Roxa: George Junior Republic: A Fresh Start for Troubled Teens. In: Journal of the New York State School Board Association Inc. (Albany/NY) 6 (?). 1983, November: 15 - 20 (Sonderdruck)
George, William Reuben: The Junior Republic. Its History and Ideals. With an Introduction by Thomas Mott Osborne. New York: D. Appleton and Co 1909
George, William Reuben: The Adult Minor. New York - London, D. Appleton and Co. 1937
George, William Reuben; Stowe, Lyman Beecher: Citizens Made and Remade. Boston - New York: Houghton Mifflin Company 1912
Gladden, Washington: The Junior Republic at Freewill. In: The Outlook (New York) 54. 1896, (31. Okt), S. 778 - 782
Harlow, Alvin F.: George, William Reuben. In: Dictionary of American Biography, 1944, S. 226-227
Heller, Th.; Schiller, Fr.; Taube, M. (Ed): Enzyklopädisches Handbuch des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge. Leipzig (Engelmann) 1911
Holl, Jack M.: Juvenile Reform in the Progressive Era. William R. George and the Junior Republic Movement. Ithaca/N.Y. - London (Cornell University Press) 1971
Monroe, Paul (Ed): A Cyclopedia of Education (5 Bände, vor allem die Artikel Arnold, Public Schools, Self Government, George Junior Republic, Juvenile Delinquency, Boys Clubs). New York 1911 (Nachdruck Detroit: Gale Research Company 1968)
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Riemermann, Jehuda: Strafen oder Heilen? Psychopädagogischer Beitrag zur zeitgenössischen Amoralität. Berlin-Stuttgart (Pontes) 1947
Roosevelt, Theodore: The Juniour Republic. In: the Outlook (New York) 100. 1912 (20. Jan.) S. 117 - 119
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The George Junior Republic oJ 1980 Tinling, J.F.B.: Juvenile Self Governing Communities. In: Progress, Civic-Social-Industrial 4, 1909, Januar S. 1 - 12
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