Dieses Kapitel belegt, daß Selbstregierung nicht nur mit gut situierten Ober- und Mittelschichtkindern funktioniert - ein Vorwurf, der Summerhill immer gemacht wurde. Gerade mit den härtesten der harten Brocken aus den Großstadt-Slums von New York, die schon weit in die Kriminalität abgedriftet waren, die eigene Gruppennormen entwickelt hatten, wo kriminelles Verhalten, Zoff mit der Polizei und brutale Gewalt als Empfehlung, ja als Aufnahmekriterium in die Gang galten, arbeiteten die progressiven Sozialarbeiter.
Jede Form von Strafe konnte diese Kinder nicht mehr abschrecken, sondern war Voraussetzung, um in die Führungsriege der Gang aufzusteigen. Die Polizei war vollkommen machtlos. "Im Kameradenkreis waren Gefängnisstrafen eine Ehre, der Ausweis des harten tapferen Burschen, der Weg zum Sozielprestige schlechthin." [Kamps, 1995, S. 201]
Nicht Härte und Strafen waren erfolgreich - es zeigt sich dagegen, daß selbst gegebene Gesetze das einzige waren, was diese Jugendlichen akzeptierten. Zunächst galten sie nur intern - nur untereinander, während nach draußen weiterhin gestohlen und geprügelt wude. Erst mit der Zeit entwickelte sich bei den Jugendlichen ein Verhalten, daß sich auch "draußen", also außerhalb der Gang, zeigte.
Es ist einfach spannend bei Kamp nachzulesen, wie W.R. George und andere nicht mit Sprüchen von "Null-Tolleranz" und auch heute immer wieder geforderter "unnachsichtiger Härte" die Jugendlichen auf den richtigen Weg zwangen, sondern in mühseligem Kampf - auch gegen das 'normale' Bürgertum, dessen Hühnerställe anfangs immer wieder geplündert wurden, auf einen anderen Weg brachten. Nicht der Zwang, sondern die Veränderung der inneren Wertmaßstäbe brachte die Veränderung. Dazu kommt, daß ja nicht nur die internen, pädagogischen Probleme zu bewältigen waren, sondern auch reale wirtschaftliche Probleme der äußeren Gesellschaft zu meistern waren.
"Um Erfolg zu haben, mußte man den Jugendlichen ebensoviel und ebenso interessante positive Üquivalente und Alternativen zur Kriminalität aufbauen. Bevor man ihnen Bosheit verbot, mußte man ausreichend legale Gelegenheiten zu Betätigung, Sozialleben und Gutsein schaffen. Dann erst konnt es gelingen, die Ziele, Normen und Werte der Bande herumzudrehen und auf akzeptable Ziele umzulenken."Nur die von den Kindern und Jugendlichen selbst geschaffenen Regeln wurden von ihnen akzeptiert. Jeder hatte das Recht, Verstöße gegen diese Regeln vor das Gericht - ebenfalls aus Jugendlichen zusammengesetzt - zu bringen.
[Kamp, 1995, S. 202; Hervorhebungen im Original]
"Probleme, Fehler und Gewalt sollten nicht unterdrückt und weggezwungen werden, und auch nicht durch freundliche, aber im wirklichen Leben eben nicht vorkommende unrealistische Hilfe beseitigt werden. die Junior republic sollte unter möglichst realistischen und normalen Bedingungen auf das normale Leben in der Freiheit draußen vorbereiten (genau das war auch die Forderung für eine entinstutionalisierte Anstalt gewesen!) Schon als Jugendliche sollten die Jungen hier das freie Erwachsenenleben realistisch simulieren und so erfahren und trainieren. Verhalten hat dann im Prinzip dieselben Konsequenzen wie im Erwachsenenleben, jedoch nicht so endgültige und unwiederrufliche. Hier gibt es keine Akten, Vorstrafenregister und Stigmatisierungen, die den Neuanfang verhindern.George und Stowe beschreiben die Umwandlung des Delinquenten in der Junior Rebublik in vier Schritten.In der Junior Republik hätten alle Bürger gleiche chancen, jedes Vermögen, Amt und Prestige wäre selbst erworben. Die Verfestigung sozialer Ungleichheit durch Vererbung von Vermögen und machtstellung gäbe es her nicht. Jeder wäre ein Selfmademan. In diesem Punkt wäre die jugendrepublik den idealen des amerikanischen Traumes sogar näher als die USA selbst.
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Ansonsten mußte die Junior Republik unbedingt ebenso funktionieren wie die USA. Denn dann und nur dann funktionierte sie überhaupt, nur dann wäre sie echt und keine Spielerei. Deshalb düfen George und andere Erwachsene unter keinen umständen in das einmal etablierte Geschehen eingreifen, auch nicht auf Bitten der jugendlichen. eingriffe würden die natürliche Abfolge von Ursache und Wirkung stören und unmöglich machen.
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Dies verblüffte Neuankömmlinge immer wieder. Sie versuchten häufig gleich am Anfang, ihr Prestige als harte Burschen durch einen geschickten Diebstahl und entsprechend wilde Reden und Prahlereien zu begründen, waraufhin die um ihren Besitz besorgten Junior-Bürger, statt in Ehrfurcht zu erstarren, die Junior Polizei verständigten, die den Übeltäter verhaftete, dem jugendlichen Richter vorführte und dann einsperrte. Nicht die feindliche Polizei, sondern die eigenen Kameraden hatten ihn verurteilt! Gefangene mußten (wie im Staatsgefängnis) härter, unangenehmer und vor allem unbzahlt arbeiten und leben. Das Eigeninteresse gebot, das Gefängnis künftig zu meiden. Gefängnisaufenthalt galt hier nicht als Zeichen von Mut und Härte, sondern von Dummheit und Willensschwäche. aus dem Gefängnis entlassene Jungen wurden problemlos wieder in die Gemeinschaft aufgenommen: Praktisch jeder von ihnen hatte anfangs ebenso im Gefängnis gesessen! Der Junge würde sich jetzt bemühen, auf andere Weise die Zustimmung seiner Kameraden zu erreichen. Er würde ebenso wie sie Arbeiter und Eigentümer werden...
Trotzdem ist er noch keineswegs gebessert! er passt sich lediglich den Gegebenheiten rein äußerlich an und kann jederzeit umschwenken (is doing good for policy sake). Doch dies ist für George die absolut notwendige Voraussetzung dafür, später einmal das Richtige um seiner selbst Willen zu tun (doing goog for its own sake).
W.R. George: Junior-Republik in Freeville (1895 bis heute)
Umwandlung in ein Reformatory (1998)Ausbreitung der Republikbewegung 1898 - 1913
unter Thomas Mott Osborne (!859 - 1926)
William T. Carter Republik (1899 - 1924)
National Junior Republik in Annapolis Junction
Connecticut Junior Republik in Litchfield, Connecticut (1905 - ?)Colorado Junior Republik in Lavayette, Colorado (1970)
Gründung der National Association of Junior Republics (NAJR) (1908)
Chalifornia George Junior Republik in Chino, California (1908)
Western Pennsylvania George Junior Republik in Grove City, Pennsylvania (1909)
New Jersy George Junior Republik in Flamington Junction, New Jersy (1910)
Strawbridge-Brophy Georg Junior Republik in Morristown (Moorestown?), New Jersy (1912)Parentl Republik in Los Angeles (um 1911)
Boys Brotherhood Republik (?)
Starr Commonwealth for Boys in Albion, Michigan (ab 1913)
mit Zweigstelle in Van Wert, Ohio (seit 1951)Gills School City in New York City (ab 1897)
verbreitet sich in New York und den USA
State Normal School in New Paltz, N.Y. Idee wurde in Kolonien nach Kuba und auf die Philippinen exportiert
Kuba war erster Saat mit allgemein eingeführter Schülerselbstregierung
weitere Literatur:
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Commons, John R.: The Junior Repbulik. In The American Journal of Sociology (Chicago/III) 3.1897, 1898, 3 (Nov.) und 4 (Jan.): S. 281 - 296 und 433 - 448
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